Bismarck 01 by Karl Bleibtreu

Bismarck 01 by Karl Bleibtreu

Author:Karl Bleibtreu [Bleibtreu, Karl]
Language: deu
Format: epub
Publisher: Verlag der Literaturwerke Minerva R. Max Lippold
Published: 2011-04-13T18:25:11+00:00


Eines Abends schleppte er in eine Bierstube, wohin ihn der Durst trieb, den unterwegs getroffenen Thadden, der aus Ungarn zurückkehrte, wohin er zum Studium der revolutionären Ereignisse einen Ausflug machte. Der würdige Edelmann, ein denkender Kopf voll selbständiger Eigentümlichkeit, verbindlich und taktvoll in besten Formen, sah sich in der Presse aufgehängt in effigie als Vogelscheuche dummer Feudalität. Otto selbst stand am Pranger als wiederauferstandener Wegelagerer aus der Quitzowzeit, Schreckgespenst für alle politischen Kinder. An tiefer Bildung und Belesenheit turmhoch die Zeitungsschreier überragend, fühlten die beiden Aristokraten sich als Geächtete inmitten einer Sintflut geistiger Analphabeten. Der grause Narr Bismarck begann leichthin, nachdem beide sich am Biertisch niederließen:

»Faulheit ist eigentlich bei uns obligatorisch, sozusagen Nationalcharakter. Nur der Zwang des bunten Rocks und der festen Bureaustunden packt uns beim Zipfel. Im Namen des Königs haben wir Pflichtgefühl. So züchten wir lauter Subalternoffiziere und keinen selbständigen Generalstab.«

»Ihr Esprit schießt immer zwei Pferdelängen übers Ziel hinaus.«

»Durch Übertreibung malt man die Wahrheit deutlich, daß jeder sie packen kann. Was war die Revolution? Ein bureaukratisches Mißverständnis durch Mißbrauch des königlichen Namens. Keine 10 000 Menschen außer den Polacken waren damit einverstanden, doch die Millionen blieben faul im Bette liegen. Faultiere kleben wenigstens auf Bäumen, doch wir Schwarzweißen faulenzen im Bau wie Hamster.«

»Dann sind Sie kein Schwarzweißer, sondern ein Schwarzrotgoldener!« lachte Thadden. »Sie sind rührig wie ein Wiesel und brummig wie ein Bär.«

»Danke! Bin nicht frei von der Faulheitsepidemie, denn ich leide an krankhafter Furcht vor meinem Tintenfaß. Nur wenn's austrocknet, erleichtert mich seine Nähe. Übrigens mißverstehen Sie mich nicht! Ich wittere hier eine große Moral. Wir höhnen uns Michel mit der Zipfelmütze, das tun wir, um uns noch mehr aufzustacheln. Tatsächlich sind wir die turbulentesten Individualisten, die leidenschaftlichsten Freiheitsgierer Europas. Was bei den Französchen nur Maske für ihr eingeborenes Sklaventum, das jedem Leithammel folgt, ist bei uns Naturtrieb. Drei Deutsche, drei verschiedene Meinungen! Seid Untertan der eigenen Eselei und beileibe nicht der Obrigkeit, heißt unsere Parole. Wer wußte das besser als ich! So dachte meine Jugend mit Byron: ›Ich bin geboren zum Opponieren‹. Aber wissen Sie, wofür ich das halte?«

»Für germanische Kraft.« Thadden sah ihm fest ins Auge.

»Bravo! Da sehen Sie, wie die Natur sich selbst korrigiert. Realpolitik ist nur natürliche Entwicklung. Dies Volk von Individualisten würde in alle Winde zerflattern, wenn es nicht sich selbst ein Sicherheitsventil öffnete: die monarchisch-staatliche Zucht und Standesgliederung. Nie wird das Ausland begreifen, daß freiester Mut im allgemein geistigen Denken und stärkste Charakterunabhängigkeit sich mit gehorsamer Unterordnung unter die angestammten Herrscher paaren, die man mit vollen Backen kritisiert, aber dabei anhänglich ehrt. Der Deutsche weiß, warum er monarchisch fühlt, warum er die verhaßten Behörden trotzdem mit mystischem Nimbus respektiert. Ordnung muß er haben und Organisation für seine schrankenlose geistige Freiheit. Nur so kann er sich real behaupten. Preußen als Erzieher! Und wer dem Deutschen das Band monarchischen Fühlens raubt, ist ein wahrhaft nationaler Hochverräter. Er nimmt uns den realen Halt gegen die verlogene Demokratie des Auslands, die nur praktische Nationalinteressen vertritt und sich auf Deutschland als willkommene Beute ihrer Willkür stürzen würde.



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